QBE: Vogel der Woche: Der Smartphonekiebitz

17. August 2023

Heute: der Smartphonekiebitz, Vanadellus geovideus

Der Smartphonekiebitz ist eine ausgesprochen gefährdete Spezies, worüber nicht sein Auftreten in gigantischen Schwärmen hinwegtäuschen sollte.

Auf jeden durch den Ornithologen getwitchten Smartphonekiebitz kommen drei unter eine beräderte Blech-Hüpfburg geratene, vier in einer beräderten Blech-Hüpfburg um einen Baum gewickelte, fünf mit Langeweile und zwölf mit Daumenfittichsehnenscheidenentzündung vom SMS-Daddeln und Whatsappen, und ein Streitaxtmörder.

Eine Haupteigenschaft des Smartphonekiebitzes ist, permanent gleichzeitig unter- und überfordert zu sein. Sein Blickfeld ist eingeengt auf einen annähernd rechteckigen Ausschnitt seiner Umgebung, welchen er vor sich her trägt wie der Priestervogel die Bibel. Und ähnlich wie der Priestervogel die Bibel permanent am Lesen ist, wenn er sie durch die Gegend trägt – äh Moment, Regieanweisung – okay, und ähnlich wie der †Priestervogel die Bibel permanent am Lesen war, wenn er sie durch die Gegend trug, was zu seinem Aussterben führte, damals – also, genau so ist der Smartphonekiebitz in seinem annähernd rechteckigen Ausschnitt seiner Umgebung am Lesen oder am Rumwischen und dann wieder Lesen. Und nur ganz selten liest der Smartphonekiebitz da die Geschichte von dem ausgestorbenen †Priestervogel und guckt dann ziemlich erschrocken in die Gegend, weil es in irgend einer seiner einsamen Gehirnzellen PLING! EIN GEDANKE! gemacht hat.

Meistens unterfordert ihn aber das, was er da liest oder selber daddelt. Gleichzeitig überfordert ihn allerdings das, was er nicht von seiner Umwelt sieht. Denn das ist plötzlich schneller, größer und härter als er, und es kommt zum offenen Revierkampf zwischen Räder-Blechdose und Smartphonekiebitz, zwischen Laternenpfahl und Smartphonekiebitz, zwischen Mauer und Smartphonekiebitz, und so weiter und so fort. Die Streifgans hätte ihre reine Freude an diesem Vogel, so als Zusatznahrung zu ihren eigenen Hornspänen, wenn sie nicht vollkommen allergisch auf den Elektroschrott reagieren würde, mit dem ein flachgeklopfter Smartphonekiebitz sehr regelmäßig gewürzt ist.

Mitleidige Städtebauer versuchen das Schicksal dieses Vogels etwas zu erleichtern, indem sie an besonders gefährlichen Wildwechseln zu unkonventionellen Markierungen wie Bompeln greifen, welche der Blickrichtung und damit dem Aufmerksamkeitsfenster des Smartphonekiebitzes quasi untergeschoben werden. Außerdem designen sie interaktive Laternenpfähle, welche einen GPS-Umleitungsbefehl auf das Rechteck schicken, welches sich nähert, und machen zunehmend „outdoor“ von einer alten Kulturtechnik Gebrauch, die entwickelt wurde für den „Indoor“-Umgang mit vollkommen Bekloppten: der Gummiwand.

Hoffen wir, dass diese Schutzmaßnahmen Wirkung zeigen und der Smartphonekiebitz uns länger erhalten bleibt als der selige †Priestervogel! Denn einen gewissen Unterhaltungswert hat es durchaus, den possierlichen Kiebitzen beim Kollisionssport zuzuschauen.


Moderation:

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Jürgen Kolb


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Musik im Vor- und Abspann (ab Folge 60):

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